265 neue Bücher am Tag
Wer im Buchhandel steht oder regelmäßig in Rezensionslisten schaut, kennt das Gefühl: Kaum hat man eine Neuerscheinung auf den Stapel der ungelesenen Bücher gelegt, sind schon drei neue dazugekommen.
Laut den Wirtschaftszahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erschienen allein im Jahr 2019 insgesamt 96.712 neue Titel auf dem deutschen Markt. Das entspricht rund 265 Büchern pro Tag – an jedem einzelnen Tag des Jahres, Sonntag und Feiertag eingerechnet. 2020 stieg die Zahl trotz Pandemie weiter an, auf rund 105.000 Neuerscheinungen, ein Plus von über vier Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Was diese Zahlen bedeuten
265 Bücher pro Tag klingt zunächst wie eine beliebige Größenordnung. Greifbarer wird sie, wenn man sie in Relation setzt: Wer jeden Tag ein Buch liest – diszipliniert, konsequent, ohne Pause – schafft im Jahr 365 Titel. Man schafft die Menge an neuen Büchern schlicht und einfach nicht.
Hinzu kommt, dass diese Zahl dabei nur einen Teil des tatsächlichen Angebots erfasst. Sie bezieht sich auf Neuerscheinungen, die über den regulären Buchhandel gemeldet werden. Hinzu kommen Backlist-Titel, Importe, Selfpublishing-Veröffentlichungen außerhalb klassischer Verlagsstrukturen und digitale Formate, die nicht vollständig in der Statistik abgebildet sind. Das Gesamtbild ist also noch größer.
Wann erscheinen die meisten Bücher?
Die Produktion ist nicht gleichmäßig über das Jahr verteilt. Verlage orientieren sich stark am Weihnachtsgeschäft und an den großen Branchenterminen. Rund um die Frankfurter Buchmesse im Oktober ist die Dichte an Neuerscheinungen besonders hoch. Das ist der Zeitpunkt, zu dem der Handel mit dem Herbstprogramm bestückt wird und internationale Lizenzgeschäfte abgeschlossen werden. Im Frühjahr gibt es einen zweiten, etwas kleineren Schub, geprägt durch die Leipziger Buchmesse.
Welche Bücher erscheinen?
Belletristik macht nur einen Teil der Neuerscheinungen aus. Den größten Anteil haben Sachbücher und Ratgeber – Titel zu Gesundheit, Ernährung, Persönlichkeitsentwicklung, Politik, Geschichte, Wissenschaft. Kinder- und Jugendbücher bilden ebenfalls ein gewichtiges Segment. Reine Unterhaltungsliteratur, also Romane und Erzählungen, macht mengenmäßig weniger aus, als der öffentliche Diskurs vermuten lässt. Die meiste Aufmerksamkeit in Medien und sozialen Netzwerken gilt jedoch genau diesem Bereich.
Den Überblick behalten – geht das?
Ehrlich gesagt: Kein Mensch kann den Überblick über 265 Neuerscheinungen täglich behalten. Was bleibt, sind Strategien zur Orientierung: Buchhandlungen mit kuratierten Empfehlungen, Literaturkritik in Zeitungen und Podcasts, Lesegruppen, Rezensionsplattformen, Freunde mit ähnlichem Geschmack.
Messen spielen dabei eine besondere Rolle. Sie sind keine Verkaufsveranstaltungen im engeren Sinn, sondern Orte, an denen die Flut kurz sortierbar wird - wo Bücher nicht als Masse erscheinen, sondern als Auswahl, die jemand getroffen hat und vorstellt. Das macht ihren Wert aus, heute mehr als früher.
Habt ihr einen Weg gefunden, den Überblick zu behalten, oder habt ihr es längst aufgegeben?
Quellen
- Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Wirtschaftszahlen Buchproduktion
https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/wirtschaftszahlen/buchproduktion/ - lesehits.de: Wie viele Bücher werden täglich in Deutschland veröffentlicht?
https://lesehits.de/Fragen/wie-viele-buecher-werden-taeglich-deutschland-veroeffentlicht.html - Deutschlandfunk Kultur: Bestseller und Buchmarkt
https://www.deutschlandfunkkultur.de/bestseller-buchmarkt-100.html